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20 Jahre Institut für Mathematisches Lernen -  Studientag am 24. Februar 2012, 13 bis 19 Uhr,  Universität Hamburg, Pädagogisches Institut

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Bericht vom

Studientag Rechenschwäche in Hamburg

Das Motto dieses Studientages „Phänomen Rechenschwäche“, das über dieser Dyskalkulie-Großveranstaltung anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Institutes für Mathematisches Lernen, IML Hamburg, stand, sollte kein Phänomen bleiben, sondern die mehr als 150 Besucher der Problematik von Kindern mit einer Rechenschwäche auf die Spur kommen lassen. Und noch bevor am Abend die letzten Studientagsteilnehmer die Räume des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg verließen, stand für sie fest: Ein dickes Lob für diese Veranstaltung, auf der viele Informationen, Anregungen und wertvolle Tipps für Unterricht und Praxis mitgenommen werden konnten.

Nicht nur Lehrer aller Schulformen, die den Großteil der Tagungsteilnehmer ausmachten, auch Erzieherinnen, Kinderärzte, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Therapeuten und Pädagogen waren erschienen. „Eine große Anmeldezahl, mit dem Bedarf, mehr über Rechenschwäche und deren Auswirkungen zu erfahren“, so Albrecht Gründler vom IML Hamburg.

In den dreimal 90 Minuten dauernden Vorträgen war von Müdigkeit nichts zu spüren. Mehr als 70 Eltern und Lehrer lauschten dem Einführungsvortrag „Finger, Bilder, Rechnen! Förderansatz im Zahlraum bis 10“, der beinhaltete, wie man die Finger richtig nutzt, um damit rechenschwache Kinder im Alltag und im Unterricht zu unterstützen. „Rechenschwache Kinder können intelligent, auch sehr motiviert sein und sogar gute Noten erzielen. Mathematik hat eine eigene Logik. Wer den Zugang zu ihr nicht findet, hat es schwer die Stufen der Mathematikleiter zu erklimmen“, so Gründler. Kindern mit einer Rechenschwäche ist der Zugang zur Mathematik nicht gelungen. Sie entwickeln oft eigene Regeln und Hilfsstrategien, damit sie in der Schule nicht völlig im Chaos dastehen. Die Finger sind für die meisten Kinder ein naheliegendes und vertrautes Medium der Zahldarstellung. Albrecht Gründler stellte ein am IML Hamburg entwickeltes praxiserprobtes Förderprogramm zum Aufbau des kardinalen Zahlverständnisses im Zahlraum bis 10 vor, was großes Interesse fand. „Aber Achtung“, so Gründler, „Fingerrechnen ist nicht gleich Fingerrechnen. Kinder, die in der 3. Klasse noch mit den Fingern rechnen, bewältigen wesentliche Lernschritte nur langsam, unvollständig oder gar nicht. Allerdings wäre es ungerecht, diese Schwierigkeiten und Misserfolge den Fingern anzulasten. Es ist vielmehr die zugrunde liegende Rechenstrategie – nämlich das zählende Rechnen – die dem Lernfortschritt im Wege steht“, beschreibt Gründler die Problematik der Kinder mit einer Rechenschwäche. Das Förderprogramm liegt in Buchform „Finger, Bilder, Rechnen“ vor. „Das Buch mit praktischen Materialien wendet sich vor allem an Lehrer, Sonderpädagogen und andere Berufsgruppen, aber auch an Eltern, um sich mit der Problematik der Dyskalkulie zu befassen“, so Gründler.

Dr. Inga Diop vom Institut für Mathematisches Lernen Braunschweig erläuterte in ihrem Vortrag den Stellenwert der Frühförderung, wenn es um die Prävention von Rechenschwäche geht. Hier gab es lerntherapeutische Hinweise, welche Kompetenzen Kinder im Übergang vom Kindergarten in die Schule entwickeln müssen.

Parallel hierzu erläuterte Anita Rudolph vom IML Hamburg, wie sich die Rechenschwäche in der weiterführenden Schule auswirkt. Oft machen sich elementare Probleme so richtig erst in der 5. Klasse bemerkbar, wenn die Problematik in der Grundschule mehr oder weniger erfolgreich durch Strategien wie Auswendiglernen verborgen werden konnte, war der Tenor.
Für eine geeignete Förderung ist eine zuverlässige Diagnostik unverzichtbar. Standardisierte Tests reichen hier nicht aus. Aljoscha Jegodtka vom Institut für Therapie der Rechenschwäche in Lübeck stellte Anforderungen an eine qualitative Förderdiagnostik vor und zeigte an vielen Fallbeispielen, wie Förderschritte aus den erkannten Verständnisproblemen abgeleitet werden können.

Wer schon über Grundlagenwissen in der Rechenschwäche verfügte, konnte sich in einem Gastvortrag des Instituts für Entwicklungs- und Lerntherapie Hamburg über die „Kunst mit nur 30 Buchstabenzeichen die lautliche Vielfalt der gesprochenen Sprache einzufangen“ informieren. Genau wie bei der Rechenschwäche, so ist auch die Diagnostik und Förderung von Kindern mit einer Legasthenie ganz wichtig, um frühzeitig der Problematik entgegenzuwirken. In einem weiteren Vortrag referierte der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Michael Wedel vom selben Institut über den „Teufelskreis Lernstörungen“, der großen psychischen Druck der Kinder in Elternhaus und Schule bedeutet.

Großes Interesse fand auch der Vortrag von Hans-Joachim Lukow vom Zentrum für angewandte Lernforschung gGmbH über die „Stolpersteine im mathematischen Anfangsunterricht“. Ein Blick in die Schulbücher zeigt, dass sich auch Schulbuchautoren schwer mit arithmetischen Grundlagen tun. Die Zahlaspekte kardinal, nominal und ordinal galt es richtig zu unterscheiden und eine sachgerechte Erarbeitung für den Unterricht wurde an Beispielen vorgenommen. „Um typische Rechenschwäche-Karrieren zu vermeiden, ist es wichtig, den Lernprozess von Kindern frühzeitig zu unterstützen“, so Lukow. Der Referent verwies auf die Symptomfragebögen, die vom Arbeitskreis-Lernforschung gemeinnützige GmbH entwickelt worden sind und die Eltern im Internet kostenlos unter www.arbeitskreis-lernforschung.de herunterladen können.
Wie die Früherkennung einer Rechenschwäche im pränumerischen Bereich erfolgen kann, wurde an einem Kurztest besprochen, den Max Richter vom Institut für Rechenschwäche-Therapie Berlin vorstellte. Dieser Test wurde in Kooperation mit dem Schulpsychologischen Beratungszentrum Berlin-Tempelhof/Schöneberg entwickelt, da Lehrer zunehmend vor der Aufgabe stehen, den Schülern pränumerische Voraussetzungen mathematischen Lernens zu vermitteln.

Das Resümee der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Studientags war sehr anerkennend. „Ein informativer Tag, der von der Organisation bis hin zur Qualität der Vorträge super gelungen ist.“. Allerdings hätten sich einige Teilnehmer „noch mehr praktische Übungen und Tipps für den Unterricht“ gewünscht. Doch das Gesamturteil war durchweg positiv, was den Veranstalter IML Hamburg darin bestärkte, auch weiterhin regelmäßig Fortbildungen in Schulen zum Thema Rechenschwäche anzubieten, um diesen Wünschen der Lehrer Rechnung zu tragen.

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